12.10.2022
– neue Möglichkeiten, neue Gefahren?
Zu diesem Thema lud das BayernLab Traunstein die 6. und 8. Klassen des HGT in den Trostberger Postsaal ein. Was Cem Karakaya,Experte für Internetkriminalität und langjähriger Interpol-Mitarbeiter, in seinen humorvollen, jeweils eineinhalbstündigen Vorträgen berichtete, war für viele SchülerInnen aber dann doch sehr überraschend und auch nicht immer zum Lachen.
Mit diesen Worten begann der Internetexperte seinen Vortrag für die 6.Klassen und hatte sein junges Publikum sofort auf seiner Seite. Mit seinen eindrucksvoll geschilderten Alltäglichkeiten im Umgang mit dem Internet erkannten sich viele der ZuhörerInnen wieder und lauschten ihm fortan gebannt, v.a. weil bei ihm stets der erhobene Zeigefinger ausblieb und er lediglich versuchte, die SchülerInnen auf mögliche Gefahren hinzuweisen und ihnen Tipps zu geben.
Anhand eines Medienstrahls zeigte Karakayaden Sechstklässernauf, dass für Zocken, Chillen und Lesen rechnerisch nur eine Stunde am Tag übrigbleibe. Zehn Stunden Schlaf bei Jugendlichen, eine Stunde Frühstück und Morgentoilette, sechsStunden Schule, zwei Stunden Mittagspause, eine Stunde Hausaufgaben, eine Stunde Sport, eine Stunde Hobby, eine Stunde Abendessen ließen demnach nicht mehr zu. Dann allerdings habe man sich das Zocken auch verdient, denn wenn alles andere - insbesondere Schule und Hausaufgaben - gemacht seien, dann hat man seinen „Job“ gemacht und wird später erfolgreich sein. Wer aber sein Smartphone zum Hobby mache, so mahnte der Experte an, der verpassesein Leben, was erden SchülerInnen durch einen Filmausschnitt wirkungsvoll vor Augen führte.
Beim Thema Handy – also eigentlich Smartphone – berichtete der Experte für Medienkompetenzen aus seiner persönlichen und vor allem beruflichen Erfahrung. Er erläuterte hierbei die rechtlichen Grenzen in Form von Strafrecht und Zivilrecht, der diskutierte das Problem Kettenbriefe und besprach mit den SchülerInnen Selfies und Mutproben-Challenges. In diesen Bereichen konnten die Kinder viel aus dem eigenen Erfahrungsschatz einbringen. Ein Schüler überraschte Karakaya durch sein Wissen über Beleidigungen, da er genau erklären konnte, dass allein Betroffene entscheiden, was eine Beleidigung für sie darstellt. Im Gegenzug lernten die Teilnehmer, dass es durchaus sinnvoll ist, ein Antiviren-Programm auf einem Smartphone zu haben, denn dieses ist eigentlich nichts anderes als ein Computer, der auch die Stärke des Drucks auf Tasten und Bildschirm registriert.
Soziale Netzwerke bieten laut dem Expertenauf der einen Seite zwar eine Vielzahl an Möglichkeiten, aber eben auch mindestens genauso viele Gefahren. Diese wurden bei den Themen Kettenbriefe, HOAX-Meldungen, Selfies und Drelfiesdeutlich. Karakaya ließ sich deshalb von den Anwesenden versprechen, dass sie niemals persönliche Daten oder Fotos ins Netz stellen würden. Mögliche Gefahren insbesondere beim Veröffentlichen von Bildern sollte man sich immer durch die Fragen „Muss das jetzt sein?“ und „Ist mir das in Zukunft peinlich?“ bewusst machen. Denn schon so manches Selfie habe Berufskarrieren zerstört und Freundschaften beendet, so der Experte.
In den Problembereichen Datenpreisgabe und gläserner Smartphone-Nutzer schilderte Karakaya aus seiner Arbeit bei Interpol das Beispiel von einem gewissen Max, ausdessen Daten Profiler alles Mögliche herauslesen konnten. Der Wohnort von Max war dabei die leichteste Sache. Wie schnell und mühelos aber anhand der Daten auch der Freundeskreis von Max, dessen Kontakte, sein Bewegungsprofil und die daraus zu schließenden Tätigkeiten, Gewohnheiten und Vorliebenermittelt werden konnten, beeindruckte die SchülerInnen immens: Allein anhand der unbedacht im Internet veröffentlichten Daten konnten die Profiler herausfinden, dass Max ein Jurastudent ist, seine Freundin Lisa heißt und er nebenbei in einem Edelrestaurant arbeitet. Anhand seiner WhatsApp-Chatverläufe und der am häufigsten verwendeten Worte ließen sich sogar auch Parteienpräferenzen ableiten.
Abschließend gab der Medienexperte viele Tipps, wie man sich vor den Gefahren der digitalen Welt schützen kann. Die Schülerinnen und Schüler konnten hier bereits mit viel Wissen glänzen. Karakaya wies die SchülerInnen vor allem noch daraufhin, dass man im Falle von Cybermobbing unbedingt Beweise sammeln sollte, am besten in Form von Screenshots. Zudem sollte man den Chatbetreiber kontaktieren und eine Anzeige bei der Polizei, die auf dieses Problematik mittlerweile höchst sensibilisiert ist, erstatten. Als ehemaliger Interpol-Mitarbeiter konnte er den SchülerInnen versichern, dass die Polizei beim Thema Cybermobbing mittlerweile keinerlei Verständnis und auch keine Gnade mehr kennt.
Cybermobbing an sich sei zwar selbst keine Straftat, beinhalte aber verschiedene Straftatbestände wie Bedrohung, üble Nachrede oder Nachstellungsowie die Verletzung des Lebensbereiches durch Filmaufnahmen – also eine Vielzahl von Punkten, die eine zivilrechtliche Anzeige nach sich ziehen können.
Zum Abschluss des
ersten Vortragsgab der Referent dem jungen Publikum noch Folgendes mit auf den
Weg: Anrufe oder Mitteilungen, die man nicht kennt, sollte man nicht annehmen
und auch nicht ernstnehmen, am besten blockiert man gleich den Absender. Und
wenn man tatsächlich Opfer von Cybermobbing oder einer anderen Cyberattacke werden
sollte, sollte man in jedem Fall einen Erwachsenen, also am besten die Eltern
oder die Lehrer, um Hilfe bitten.
Im Anschluss daran wechselte das Publikum und die 8. Klassen waren dran. Auch ihnen zeigte der Experte die oben erwähnten Möglichkeiten und Gefahren im Internet auf, allerdings an ihre Altersstufe angepasst.
So beschäftigte sich Karakaya zum einen mit dem Thema Sexting, also dem Verschicken von anzüglichen Nachrichten, und dem Veröffentlichen von freizügigen Fotos. Jugendliche seien oft unbedacht im Versenden solcher Nachrichten und Fotos, welche dann aber für immer im Netz seien und über kurz oder lang zu Problemen führen könnten, wie z.B. bei der späteren Berufswahl. Das liege laut dem Experten daran, dass viele Apps auf dem Smartphone „Datenschutzrichtlinien“ haben, die einen Zugriff auf diese persönlichen Daten erlauben. Aus diesem Grund mahnte er die Heranwachsenden n an, noch am selben Tag die Datenschutzeinstellungen auf dem Handy zu überprüfen und vor allem so anzupassen, dass der Zugriff verwehrt wird. Im besten Fall löscht man die jeweilige App einfach. Auf die Frage einer Schülerin, was mit Fotos passiert, die sie aus ihrer Fotogalerie vermeintlich unwiederbringlich gelöscht habe, antwortet Karakaya zur Verblüffung aller, dass er als Experte keine 10 Minuten bräuchte, um diese Fotos wiederherzustellen. Generell rät er den SchülerInnen, keine persönlichen Daten im Internet preiszugeben, vor allem nicht die echten Daten. Anhan des Vor- und Nachnamens und des wirklichen Geburtsdatums könnte jeder Hacker problemlos viele weitere Daten wie die Bankverbindungen ermitteln. Vorsicht sei hierbei vor allem bei Anmeldungen mit dem Google- oder Facebook-Konto geboten. Karakaya gab hier den Jugendlichen den Tipp mindestens das Geburtsdatum falsch anzugeben, um eine Zurückverfolgung zu erschweren.
Der Tenor des Experten war in allen angesprochenen Aspekten, dass man möglichst wenig persönliche Daten von sich im Internet preisgeben soll bzw. sehr vorsichtig damit sein soll, v.a. wozu man seine Erlaubnis gibt. Datenschutzrichtlinien sollten nicht ungelesen angeklickt werden, und auch wer eine Geburtstagseinladung bekommen soll, sollte sorgsam gewählt sein. So berichtet der Experte von einer völlig aus dem Ruder gelaufenen Party eines jungen Mädchens. Dieses hatte ursprünglich über Facebook 12 Freundinnen zu einer Feier einladen wollen, leider aber vergessen, das Häkchen für das öffentliche Einstellen des Ereignisses herauszunehmen, so dass letztlich die ganze Welt eingeladen war. Das Fazit: 1200 Partygäste, 23 000 Euro Sachschaden, mehrere Körperverletzungsdelikte – der Einsatz der Polizei dauerte insgesamt acht Stunden, die Kosten mussten die Eltern übernehmen. Sichtlich geschockt gaben die Achtklässler dem Experten das Versprechen, ihr zukünftiges Online-Leben nicht mehr auf die leichte Schulter zu nehmen.
Freilich dürfe man sich aber die Freude am Internet nicht nehmen lassen, die gebotene Unterhaltung, die man beiTikTok- oder YouTube-Videos erhält, sei nicht zu unterschätzen. Aber man sollte sich immer fragen, wie es um den Wahrheitsgehalt der Videos steht und ob man wirklich selbst solche Videos anfertigen und ins Netz stellen will, denn – einmal im Internet, immer im Internet. Und egal, wie lange es bereits her, dass man das Video hochgeladen hat, Personalabteilungen von Firmen, Medien- und Werbeunternehmen, aber auch Anwaltskanzleien werden die Daten mittels Experten rasch finden können, was dem Einzelnen im schlimmsten Fall auch nach vielen Jahren noch zum Verhängnis werden kann.
Dass Cem Karakaya nicht nur ein absoluter Experte in Sachen Internet ist, sondern auch ein großartiger Vermittler der darin bestehenden Möglichkeiten, aber auch lauernden Gefahren, haben diese beiden hervorragenden, amüsanten und vor allem lehrreichen Vorträge gezeigt, mit denen er die Kinder und Jugendlichen zu einem verantwortungsbewussteren Umgang mit dem Netz sensibilisieren konnte.
Vielen Dank an Cem Karakaya für diese tollen und eindrucksvollen Vorträge!
Hertzhaimer-Gymnasium Trostberg, Stefan-Günthner-Weg 6, 83308 Trostberg, 08621 / 9851 - 0, sekretariat@hgtb.de